UKRAINE: Wirtschaftskrise als Chance nutzen
Das Land und seine Wirtschaft befinden sich in einem akuten Liquiditäts-Engpass. Der Internationale Währungsfonds (IWF) vergab auf dem Höhepunkt der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise einen 16,5 Mrd. $ - Kredit zur Stabilisierung der Finanzwirtschaft an die Ukraine und verlangt im Gegenzug auf umfangreiche Reformen in der Wirtschaft und in den Administrationen. Hinzu kamen noch 500 Mio. $ von der Weltbank. Infolge der nahezu monatlich auftretenden Finanzprobleme des staatlichen ukrainischen Gasimporteurs wurden mehrfach zusätzliche Unterstützungskredite des Westens und Stundungen durch GazProm notwendig. Dabei geht es auch um die Absicherung der russischen (Transit)Gaslieferungen in die EU-Länder.
Am besten lässt sich das Ankommen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise in der Ukraine an den deutlich gesunkenen Mieten für Wohnungen und Geschäftsräumen im Kiewer Stadtzentrum erkennen. Innerhalb von nur wenigen Wochen kippte dort der Markt für exklusive und teure Immobilien. Auf dem Khreschatik, der Prachtstraße und Einkaufsmeile in der ukrainischen Hauptstadt schlossen erste Ladengeschäfte, vornehmlich im mittleren und höheren Preissegment. In 2011 konnte der Rückgang der Immobilienpreise (für Käufe und Pachten) zwar gestoppt werden, aber im Vergleich zu 2008 liegen die Konditionen auch weiterhin im Minusbereich.
Auf den ersten Blick ist die aktuelle Situation vor allem für westliche Betrachter überraschend und auch unverständlich. In den vergangenen Jahren gab es in der Ukraine einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung mit jährlichen Zuwachsraten zwischen 7 und 12 Prozent. Im Zuge dieses Aufschwungs entwickelte sich auch ein Mittelstand von 15-20 % der Gesamtbevölkerung. Die gestiegenen Einkommen wurden dabei zum Großteil für den Einkauf von höherwertigen Konsumgütern eingesetzt. Und diese Güter bestanden vornehmlich aus Importware, denn die inländische Konsumgüterindustrie war und ist noch nicht in der Lage, solcherart Produkte herzustellen. Aber auch die von der Regierung Timoschenko verteilten Wahlgeschenke in Form höherer Grundeinkommen und Renten führte zu einem drastischen Anstieg bei den Ausgaben für Konsumartikel. Sparen war nicht angesagt. Aber auch die jetzige Janukovitch-Regierung kam vielen Sparauflagen der internationalen Geldgeber längst nicht nach.
Dazu muss bedacht werden, dass die Ukrainer bereits zweimal in den vergangenen 20 Jahren all ihre Ersparnisse verloren. Zum Ende der Sowjetunion und in der Finanzkrise von 1998 verloren Millionen Ukrainer ihre Sparguthaben und so war und ist das Vertrauen in den Staat und die Finanzwirtschaft verständlicherweise gering. Außerdem sind Finanzdienstleistungen wie z.B. Lebensversicherungen oder private Altersvorsorgeprogramme bislang weitgehend unbekannt geblieben.
Jetzt gilt: Investieren statt konsumieren
Die Ukraine konnte in den vergangenen Jahren im Zuge der Verteuerung von Eisen- und Stahlprodukten gute Exporterlöse in Devisen erzielen. Aber noch schneller als der Export nahmen die Importe zu. Aber gerade hier lag und liegt das Problem. Es wurde versäumt, die Ausfuhrerlöse für die Einfuhr von Investitionsgütern zur Modernisierung der verschlissenen Infrastruktur und Industrieanlagen einzusetzen. Statt dessen dominierten auf der Einfuhrseite eindeutig die Konsumartikel.
Der IWF hat an seine Kreditvergabe eine konsequente Umsetzung der Strukturreformen für Wirtschaft und Verwaltung geknüpft. Sollte dieses gelingen, dann dürfte die Ukraine eines der osteuropäischen Schwellenländer sein, die grunderneuert aus der Krise hervorgehen.
Eine umfangreiche Umgestaltung wird dabei auch der ukrainische Bankensektor erfahren. In den vergangenen acht Jahren wurde im Kampf um Marktanteile von den Banken billiges Geld auf den internationalen Kapitalmärkten aufgenommen. Es entwickelte sich ein zweigeteilter Kreditmarkt in Form von Darlehen in landeseigener Grivna-Währung bzw. in Dollar oder Euro mit Zinssätzen zwischen 17 und 25 Prozent. Aber die sowohl privaten als auch kommerziellen Bankkunden waren letztendlich bereit, solche Zinskonditionen zu akzeptieren.
Die starke Ausweitung der Geldmenge führte nicht nur zum Anstieg der Inflation auf über 30 Prozent im Laufe des Jahres 2008. Im Jahr 2009 reduzierte sich die Inflation auf rund 12%. In Folge der im Herbst 2008 massiv über die Ukraine hereingebrochenen weltweiten Finanzkrise wurden vom ukrainischen Geldmarkt kurzfristig massiv Devisen – zumeist in Richtung USA – abgezogen, was zu einer regelrechten Austrocknung des ukrainischen Finanzsystems führte. Es entstand die Situation, dass ukrainische Kreditnehmer gegenüber ihren inländischen Banken, aber noch mehr diese Banken gegenüber ihren ausländischen Geldgebern in Rückzahlungsverzug gerieten. Vom Herbst 2008 bis zum Jahresbeginn 2010 verlor die Landeswährung Griwna (UAH) rund 80% ihres Wertes gegenüber dem US-$. Dieses führte auch zu dem Zusammenbruch vieler ukrainischer Banken sowie zu einem regelrechten Einbruch bei den Importen - vornehmlich im Konsumgüterbereich. In den Jahren 2010 und 2011 konnte sich die Landeswährung gegenüber dem US-$ und dem € aber zumindest stabilisieren. Dieses beruhte jedoch in erster Linie auf den eigenen Schwierigkeiten der beiden Welt-Leitwährungen und nicht auf einer Stärkung der Grivna.
Landkauf-Erleichterung wurde erneut verschoben
Ein Sorgenkind der ukrainischen Volkswirtschaft bildet seit Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit der Agrarsektor. Infolge der Unmöglichkeit, Flächen zu kaufen und zu verkaufen, konnten Landwirtschafts-Immobilien auch nicht als Sicherheit gegenüber Banken für die dringend benötigten Investitionen eingesetzt werden.
Das zum 1. Januar 2009 auslaufende Moratorium über den Landverkauf sollte – auch auf Verlangen des IWF – Anlass für eine umfangreiche Bodenreform sein. Die Rada - das ukrainische Parlament - beschloss jedoch auf seiner Sitzung am 19.01.2010 eine Verlängerung des Moratoriums für den Verkauf landwirtschaftlicher Flächen bis zum 01.01.2012. Dieses Moratorium wurde zum Jahresende 2011 erneut auf jetzt unbestimmte Zeit verlängert. Somit schiebt die Janukovitch-Regierung erneut das wohl wichtigste Reformvorhaben vor sich her.
Zeit der Lohn- und Rentenerhöhungen wohl vorbei
Seit der „orangenen Revolution“ und dem damit verbundenen Machtantritt des westlich orientierten Präsidenten Juschtschenko entwickelte sich aber keine politische Stabilität im Lande. Das Land war und ist praktisch zweigeteilt. Der Westen und Norden der Ukraine denkt, fühlt, handelt und wählt „orange“ (= pro-westlich), während der Osten und Süden des Landes eindeutig auf „blau“ (= pro-russisch) ausgerichtet ist.
Umso überraschender ist es, dass sich die ukrainische Volkswirtschaft in den Jahren 2005 bis Mitte 2008 trotz der permanenten politischen Querelen kräftig zu entwickeln vermochte. Künftig muss und wird der volkswirtschaftliche Schwerpunkt jedoch eindeutig in der Sanierung und Modernisierung der Industrie, Infrastruktur und Landwirtschaft liegen. Dieses besagen auch die Kreditauflagen ausländischer Darlehensgeber. Vor allem die Wirtschaftsbranchen, welche künftig für Valuta-Exporterlöse vorgesehen sind, werden 2011 bis 2013 die Schwerpunkte bei den Investitionen bilden.
Für die nächsten Jahre ist mit einem Einfrieren der Renten zu rechnen. Und die stark angestiegenen Löhne – vornehmlich im Finanz-, Kommunikations- uns sonstigen Dienstleistungssektor – werden voraussichtlich sogar zurückgehen. Diese Prognose basiert auf der bereits jetzt deutlich erkennbaren Entlassungswelle in allen Industrie- und Dienstleistungsbereichen. In den Jahren 2009 bis 2010 erfolgten deutliche Rückgänge im Lohnniveau und die Entwicklung in 2011 stagnierte oder fiel weitestgehend gering aus.
Facit:
Verschlechterte Exportchancen für deutsche Konsumgüter, gleichbleibend zufriedenstellende Exportchancen für Investitionsgüterhersteller aus Deutschland und deutlich verbesserte Importchancen für ukrainische Produkte
Trotz der wirtschaftlichen- und politischen Risiken gelten verbesserte Chancen für Produktionsvorhaben in der Ukraine